Freitag, 9. Februar 2018

Das Wesentliche

Was ist Wesentlich? Ist es wirklich so wichtig, wie der Landesrahmenvertrag zum BTHG aussehen wird? Ist es wirklich so wichtig, ob ich ein guter EX-IN Trainer bin? Warum ist mir die Firma PeerCom so wichtig, die ich gründen will? Warum stelle ich mich beim Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg für den Vorstand zur Wahl und will Vorsitzender werden, obwohl ich immer wieder Motivationsprobleme habe? Klar, ich will was für meine psychiatrieerfahrenen Kollegen erreichen. Aber warum treibt mich das nicht mehr so stark an, wie früher?
Ein kleineres Leben muss nicht unbedingt weniger Sinn und weniger Glück bedeuten. Ich habe den Film "Raum" angeschaut und bin ganz erfüllt von tiefen Gefühlen. Kein lautes Lachen, keine schöne Begegnung mit einem anderen Menschen. Glück muss nicht unbedingt mit Freude verbunden sein, zumindest mit keiner lauten. Ich durfte weinen bei diesem Film. Mich mit den Figuren freuen und mit Ihnen leiden. Ich war ganz nah bei Ihnen, bei dieser tollen Mutter und diesem mutigen Fünfjährigen.
Es geht mir gerade sehr gut, auch ohne Beifall und lobende Worte, die mir beruflicherseits sowieso immer unwichtiger werden - vielleicht weil ich schon so viele gehört habe oder auch, weil ich hinter meiner Tätigkeit nicht mehr so stehe wie früher.
Ich bedanke mich bei den Machern dieses Films für diesen kurzen Moment des Glücks und des Einsseins. Leider wird sich der Alltag wieder seine Bahn brechen. Ich werde wieder funktionieren und meine Ziele anstreben, die mir immer mehr wie von gestern vorkommen. An denen ich festhalte, obwohl sie vielleicht schon von der Gegenwart überholt wurden und ich keine neuen finden kann - noch nicht.
Was ist das Wesentliche? Dass ich lerne mit mir zurecht zu kommen? Meine Stimmungsschwankungen besser auszuhalten? Mich noch mehr lieben lernen? Kontakt zu halten zu Menschen, die ich sehr mag? Auf das Geschenk warten, echten Freunden zu begegnen? Und nicht zuletzt die Liebe zu meiner Frau pflegen und achtsamer ihr gegenüber zu werden? In letzter Zeit werden mir diese Dinge immer wichtiger, so wie mein Bestreben nachlässt gute Arbeit zu machen.
Wohin wird mein Weg mich führen? Ich habe schon lange das Gefühl, dass eine Lebensphase zu Ende geht, aber ich sehe noch nicht, wie ich dieses Gefühl in Taten umsetzen kann. Einfach die mir Sicherheit und Struktur gebende Aktivitäten zu beenden, ohne etwas anderes zu haben, macht keinen Sinn. Das könnte mich wieder in eine tiefe Depression führen.
Vielleicht kann ich alte Dinge unter einem neuen Blickwinkel tun. Prioritäten ändern. Den Blick auf das richten, was mir jetzt wesentlich ist.
So, du kleiner Moment. Jetzt gehst du dem Ende zu. Danke, dass ich dich erleben durfte. Danke, dass ich dich aufschreiben konnte, um dich so ein kleines bisschen festzuhalten. Bitte besuche mich bald mal wieder. Du bist das, was mein Leben reich macht. Für dich brauche ich keine großen Leistungen vollbringen. Für dich brauche ich keine großen Reisen machen. Du kommst an einem frühen Samstag mit einem tollen Film zur rechten Zeit zu mir. Ich brauche für dieses Gefühl der Stimmigkeit nur dich und mich. Keinen anderen Menschen, der sich unentbehrlich machen könnte. Ich brauchte heute morgen nur einen Raum und einen Film, um glücklich zu sein.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Der tägliche Kampf

Es ist ein Kampf. Sicher, er war schon schlimmer. Verurteilt dem Wohlbefinden hinterher zu jagen. Sicher, Ablenkung hilft. Ein gutes Gespräc...