Donnerstag, 26. April 2018

Unsere verborgenen Kämpfe

Wir kämpfen mit uns
ohne aufzugeben,
hoffnungsvoll,
aber leidgeprüft,
die verborgenen Kämpfe der Psychiatrieerfahrenen.

Nur wenige verstehen das
und nur wenige anerkennen das.

Es gibt sogar Zeiten,
da ist das reine Überleben
eine Leistung.

Mittwoch, 25. April 2018

Wir und sie - das Zweigruppendenken

Inklusion - in aller Munde. Ich habe gelernt, dass es durch die Umsetzung des Inklusionsansatzes mit dem sogenannten Zweigruppendenken ein Ende haben soll. Was bedeutet Zweigruppendenken? Vor allem in der Psychiatrie verstehen sich die von einer psychischen Einschränkung betroffenen als eine Gruppe von Gleichgesinnten. Stigmatisierung und ähnliche Erfahrungen mit der psychischen Erkrankung lassen die Betroffenen zusammenrücken. Wie wohl bei allen Behinderungsarten entsteht ein Wir-Gefühl gegenüber Menschen, die noch nicht in psychiatrischer Behandlung waren.

Unter Zweigruppendenken verstehe ich die Selbsteinschätzung, sich ausschließlich der Gruppe der Psychiatrieerfahrenen zuzuordnen, im Gegensatz zu der Gruppe der Nicht-Psychiatrieerfahrenen, also den sogenannten psychisch Gesunden. Ziel von Inklusion ist das Denken in diesen Kategorien aufzulösen. 

Obwohl die meisten Menschen wissen, dass die Grenze zwischen psychisch krank und psychisch gesund fließend ist, gibt es bei Psychiatrieerfahrenen das Zweigruppendenken sehr häufig. Eine klare Grenze beschreibt die Definition der vergangenen oder aktuellen psychiatrische Behandlung, das heißt ob der Betroffene Nutzer des psychiatrischen Hilfesystems ist oder war oder nicht. Und damit ist nicht nur die stationäre Behandlung gemeint. Eine Erweiterung auf die psychosomatische Medizin ist möglich.

Es gibt durchaus auch Psychiatrieerfahrene, denen es gelingt, die Kluft zwischen Psychiatrieerfahrung und Nicht-Psychiatrieerfahrung zu überbrücken und sich beiden Gruppen zugehörig zu fühlen beziehungsweise diese Unterscheidung gar nicht mehr zu machen.

Eine große Rolle spielt dabei die Fähigkeit einer bezahlten Arbeit nachzugehen. Immer noch wird seelische Gesundheit häufig über die Teilnahme am ersten Arbeitsmarkt abgeleitet. Ansätze wie Recovery, die den Fokus auf die Befindlichkeit legen und weniger auf den Schweregrad der Einschränkung, haben sich immer noch nicht grundlegend durchgesetzt, sehr zum Unwillen vieler Psychiatrie-Erfahrener, die durch diese Sichtweise eine größere Chance auf ein gutes und zufriedriedenstellendes Leben sehen. 

Sehr viele Psychiatrieerfahrene, die Rente, Grundsicherung oder Hartz IV beziehen, schaffen es nicht, nicht mehr in Wir- und Sie-Kategorien zu denken, sondern unzerscheiden in psychisch gesunde und psychisch erkrankte Menschen.

Es ist grundsätzlich nichts Besonderes sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Letztendlich setzt sich unsere Gesellschaft aus einer Vielzahl von Gruppen zusammen und jeder ist automatisch Teil mehrerer Gruppen. Von großer Bedeutung ist es allerdings, welchen gesellschaftlichen Status eine Gruppe hat und da befindet sich die Gruppe der Psychiatrieerfahrenen wohl leider immer noch am unteren Ende der Bewertungsskala. Deswegen ist auch das Gefühl zur Gruppe der Psychiatrieerfahrenen zu gehören auch so stark und unveränderlich, weil diskriminierte Gruppen eine erhöhte Zusammengehörigkeit entwickeln.

Ein weiterer Grund dafür, dass sich Psychiatrieerfahrene nur schwer von ihrer Gruppenfixierung frei machen können, ist das psychiatrische Hilfessystem selbst, dass seine Patienten und Klienten nur ungern wieder frei gibt. Sich wiederholende Termine mit der Fachperson werden zur Routine, ohne dass immer wieder geprüft wird, ob das Angebot reduziert oder sogar beendet werden kann. Nicht selten sind es die Psychiatrieerfahrenen selbst, die darauf hinweisen, obwohl es schwer fallen kann auf Hilfe zu verzichten, auch wenn die Hilfe eigentlich nicht mehr gebraucht wird. So wird es den Psychiatrieerfahrenen weiter erschwert sich frei zu machen.

Es kann durchaus der Fall sein, dass ein Psychiatrie-Erfahrener morgens in der Wohngemeinschaft des Ambulant Betreuten Wohnens aufwacht, dann tagsüber in der Werkstatt für behinderte Menschen arbeitet und einen großen Anteil seiner Freizeit in der Tagesstätte oder mit unterschiedlichen psychosozialen Therapien verbringt. Da wird aus einer Gruppenzugehörigkeit ein Ghetto. 

Es gibt auch den Fall, dass Psychiatrieerfahrene gar nicht mehr den Willen haben sich von psychiatrischer Hilfe zu emanzipieren, um Zugang zu anderen Bereichen der Gesellschaft zu finden. Teilweise weil sie an den Versuchen gescheitert sind oder grundsätzlich den Mut verloren haben, sich auf das Unbekannte einzulassen. 

Es gibt sogar Psychiatrieerfahrene die bewusst auf gelungende Inklusion verzichten, weil sie sich in ihrer Subkultur wohl fühlen, dort exklusives Verständnis bekommen und keinen Grund sehen sich auf eine Gesellschaft einzulassen, die nicht nur Angenehmes zu bieten hat. Unverständnis, Leistungs- und Anpassungsdruck, Oberflächlichkeit, Konsumdenken und Vorurteile mit denen der um Integration bemühte Psychiatrieerfahrene konfrontiert wird - von Inklusion ganz zu schweigen. Sicher verzichtet der Inklusionverweigerer auf erweiterte Erlebnismöglichkeiten, aber es muss nicht sein, dass er diese vermisst. 

Bei manchen Psychiatrieerfahrenen gibt es strenge Hierarchien zwischen Psychiatrie-Erfahrenen und Nicht-Psychiatrieerfahrenen im umgekehrten Sinn, das heißt es werden große Anstrengungen unternommen sich mit psychisch "Gesunden" zu umgeben und sich anzufreunden und die psychisch "Kranken" werden abgewertet, obwohl man selbst psychiatrieerfahren ist. 

Es gibt also vielerlei Arten, wie mit Inklusion und der Zweigruppenproblematik im Einzelfall umgegangen werden kann. Der Autor dieses Artikels ist sich noch unschlüssig, ob es ihm gelingen könnte, seine jahrzehntelange ihn tragende Identifikation mit der Gruppe der Psychiatrieerfahrenen aufzugeben und sich aufzumachen nicht mehr in "krank" und "gesund" zu denken und zu unterscheiden, sondern sich nur als verschieden unter vielen verschiedenen Menschen zu sehen. Dies scheint einerseits reizvoll, würde aber sehr viel Energie und Veränderungsaufwand benötigen. Die Frage ist, ob es die Mühe wert ist?

Sonntag, 8. April 2018

Gedankenfluss am Sonntagnachmittag

Gedanken kommen und gehen. Eher depressiv gefärbt. Nicht vor die Tür geschafft. Gelähmt mit dem Gefühl die Zeit zu vergeuden. Auf Vorschlag einer WhatsApp-Freundin Musik angemacht. Ruhige Jazzmusik mit Piano und Gitarre. Karin sitzt ausgeglichen auf dem Sofa und liest. Gerade war ich noch voller schlechten Laune und Unzufriedenheit. Jetzt habe ich mich zu diesem Text gerettet und konnte fliehen zu einer geliebten Beschäftigung. Und die Musik tut Wunder. Eine lässige, geschmeidige Stimmung erfüllt jetzt den Raum.

Fast 17 Uhr. Ein ruhiger Sonntag im Trainingsanzug geht zu Ende. So zäh gegenwärtig und so schnell vergangen im Rückblick.

Habe die Nacht durchgemacht. Meine Serie geschaut und viel gearbeitet. Keine Minute geschlafen.

Zusammen mit den energiegeladenen Freitag und Samstag vielleicht eine Erklärung für den Durchhänger heute. Das sind meine bipolaren Anteile mit denen ich wohl leben muss.

Heute Abend genießen wir noch Hawaii-Toast und lassen es uns gut gehen bei Karins Ritualen Lindenstraße und Fallers im Fernsehen.

Die Depression ist einer optimistischen Sichtweise gewichen. Es ist erstaunlich, welch heilende Wirkung das Schreiben bei mir erzeugt. Wenn ich nur nicht oft so ideenleer wäre. Gerne würde ich einen längeren Text schreiben, aber es gelingt mir nicht dran zu bleiben und mir gehen die Gedanken aus. Also muss ich mich mit der gewählten Form der kurzen Blogeinträge begnügen. Letztendlich geht es auch um den Prozess des Schreibens und des Sammeln der Texte, als um die  Veröffentlichung.

Trotzdem freue ich mich, wenn ich einige Leser habe und hoffe nicht in Ungnade zu fallen, ob meiner Offenheit und meines gelegentlichen Negativismusses.

Euer Rainer

Sonntag, 1. April 2018

Was mich derzeit beschäftigt

Eigentlich Zeit zu schlafen. Aber meine Lust auf Unvernunft lässt mich das Licht wieder anmachen und es zieht mich an den PC, um zu schreiben.

Was beschäftigt mich zur Zeit?

Die konstituierende Vorstandssitzung des Landesverbandes Psychiatrieerfahrener Baden-Württemberg ist bestimmt dabei. Werde ich jetzt Vorsitzender oder stellvertretender Vorsitzender werden? Welche Lösung ist für den Landesverband das Beste? Bernhard oder ich? Ich kann mit beiden Ämtern leben. Es ist aber ein komisches Gefühl in die Sitzung zu gehen, ohne zu wissen was ich will, die Entscheidung den anderen zu überlassen. Nächsten Sonntag werde ich mehr wissen.

Und dann ist ja da noch der EX-IN-Kurs. Werde ich es schaffen meine Rolle als EX-IN-Trainer dort zu finden? Sehen wo ich Stärken habe und meine Schwächen, auch im Vergleich zu Christel und Klaus, annehmen können. Werde ich diesbezüglich wieder freudiger werden?

Weiter beschäftigen mich eigentlich immer mehr oder weniger Glaubensfragen. Sei es die Unsicherheit, wie ich zur Bibel stehe, ob ich ein Christ bin und wie ich die Zeugen Jehovas einzuschätzen habe. Einerseits imponiert mir der Gedanke, die Bibel als Wort Gottes zu sehen und den Inhalt wörtlich als Richtschnur für mein Leben zu nehmen. Andererseits finde ich die spirituellen Sichtweisen von Steffi, Eberhard und Matthias logischer und auch vernünftiger. Nämlich sich nicht von den engen Sichtweisen und Regeln der Bibel einengen zu lassen, sondern das Göttliche weiter zu sehen - über den Religionen, die Religionen vereinend und mir meinen Glauben nach meinen Wünschen und Vorstellungen selbst zu gestalten. Ist Jesus wirklich Gottes Sohn, ist er wirklich von den Toten auferstanden und wartet wirklich das Paradies oder die Hölle auf uns? Ist das nicht alles Kinderglaube und heutzutage sind modernere Modelle von Spiritualität notwendig? Werde ich darauf jemals eine sichere Antwort finden? Ich glaube an die Existenz Gottes, an eine überirdische Macht mit einem eigenen Willen, der unergründlich für uns ist. Das ist einerseits schon viel, aber andererseits bleiben damit immer noch so viele Rätsel.

Dazwischen gibt es immer wieder Zeiten, in denen ich über Karin und mich nachdenke. Über meine Ehe, aber auch über meine anderen Beziehungen zu Menschen.

Und dann, ganz meinen Ego entsprechend, beschäftige ich mich mit mir selbst. Warum verhalte ich mich so und nicht so? Wie kann ich mich weiter entwickeln? Wie kann ich mich von meinen Abwärtsspiralen und meinem Grübeln befreien? Wie kann ich wieder zu mehr Freude finden? Bin immer auf der Suche nach Frieden, Gelassenheit und innerer Ruhe.  Versuche meinen großen Ansprüchen an mich selbst gerecht zu werden. Wie war das früher in der Schule? Nicht lernen und trotzdem gute Arbeiten schreiben wollen. Große Worte machen und manchmal an ganz banalen Hürden scheitern. Und schon wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mich selbst schlecht mache. Das ist ein absoluter Automatismus bei mir. Ressourcenorientierung lehren und selbst defizitär denken. Ich muss noch viel lernen.

Ich sollte an meinen Glaubenssätzen arbeiten. Von "ich genüge nicht" hin zu "ich bin gut so"; von "ich muss besser werden" zu "ich bin genau richtig". Tief in mir drin, mag ich mich und finde mich ok so wie ich bin. Aber im Alltag wird das überdeckt, gerät in Vergessenheit und dann leide ich an meinen Selbstzweifeln und meinem negativen Denken. Ist da noch Veränderung möglich?

Gott gebe mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.
Er gebe mir den Mut und die Kraft, die Dinge zu ändern, die zu ändern sind.
Und die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden.

Und bei all den Gedanken will ich nicht vergessen sehr dankbar zu sein. Nämlich, dass ich alles habe, was der Mensch zum leben braucht und körperlich gesund bin.

In diesem Sinne
Euer Rainer


Der tägliche Kampf

Es ist ein Kampf. Sicher, er war schon schlimmer. Verurteilt dem Wohlbefinden hinterher zu jagen. Sicher, Ablenkung hilft. Ein gutes Gespräc...