Mittwoch, 25. April 2018

Wir und sie - das Zweigruppendenken

Inklusion - in aller Munde. Ich habe gelernt, dass es durch die Umsetzung des Inklusionsansatzes mit dem sogenannten Zweigruppendenken ein Ende haben soll. Was bedeutet Zweigruppendenken? Vor allem in der Psychiatrie verstehen sich die von einer psychischen Einschränkung betroffenen als eine Gruppe von Gleichgesinnten. Stigmatisierung und ähnliche Erfahrungen mit der psychischen Erkrankung lassen die Betroffenen zusammenrücken. Wie wohl bei allen Behinderungsarten entsteht ein Wir-Gefühl gegenüber Menschen, die noch nicht in psychiatrischer Behandlung waren.

Unter Zweigruppendenken verstehe ich die Selbsteinschätzung, sich ausschließlich der Gruppe der Psychiatrieerfahrenen zuzuordnen, im Gegensatz zu der Gruppe der Nicht-Psychiatrieerfahrenen, also den sogenannten psychisch Gesunden. Ziel von Inklusion ist das Denken in diesen Kategorien aufzulösen. 

Obwohl die meisten Menschen wissen, dass die Grenze zwischen psychisch krank und psychisch gesund fließend ist, gibt es bei Psychiatrieerfahrenen das Zweigruppendenken sehr häufig. Eine klare Grenze beschreibt die Definition der vergangenen oder aktuellen psychiatrische Behandlung, das heißt ob der Betroffene Nutzer des psychiatrischen Hilfesystems ist oder war oder nicht. Und damit ist nicht nur die stationäre Behandlung gemeint. Eine Erweiterung auf die psychosomatische Medizin ist möglich.

Es gibt durchaus auch Psychiatrieerfahrene, denen es gelingt, die Kluft zwischen Psychiatrieerfahrung und Nicht-Psychiatrieerfahrung zu überbrücken und sich beiden Gruppen zugehörig zu fühlen beziehungsweise diese Unterscheidung gar nicht mehr zu machen.

Eine große Rolle spielt dabei die Fähigkeit einer bezahlten Arbeit nachzugehen. Immer noch wird seelische Gesundheit häufig über die Teilnahme am ersten Arbeitsmarkt abgeleitet. Ansätze wie Recovery, die den Fokus auf die Befindlichkeit legen und weniger auf den Schweregrad der Einschränkung, haben sich immer noch nicht grundlegend durchgesetzt, sehr zum Unwillen vieler Psychiatrie-Erfahrener, die durch diese Sichtweise eine größere Chance auf ein gutes und zufriedriedenstellendes Leben sehen. 

Sehr viele Psychiatrieerfahrene, die Rente, Grundsicherung oder Hartz IV beziehen, schaffen es nicht, nicht mehr in Wir- und Sie-Kategorien zu denken, sondern unzerscheiden in psychisch gesunde und psychisch erkrankte Menschen.

Es ist grundsätzlich nichts Besonderes sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Letztendlich setzt sich unsere Gesellschaft aus einer Vielzahl von Gruppen zusammen und jeder ist automatisch Teil mehrerer Gruppen. Von großer Bedeutung ist es allerdings, welchen gesellschaftlichen Status eine Gruppe hat und da befindet sich die Gruppe der Psychiatrieerfahrenen wohl leider immer noch am unteren Ende der Bewertungsskala. Deswegen ist auch das Gefühl zur Gruppe der Psychiatrieerfahrenen zu gehören auch so stark und unveränderlich, weil diskriminierte Gruppen eine erhöhte Zusammengehörigkeit entwickeln.

Ein weiterer Grund dafür, dass sich Psychiatrieerfahrene nur schwer von ihrer Gruppenfixierung frei machen können, ist das psychiatrische Hilfessystem selbst, dass seine Patienten und Klienten nur ungern wieder frei gibt. Sich wiederholende Termine mit der Fachperson werden zur Routine, ohne dass immer wieder geprüft wird, ob das Angebot reduziert oder sogar beendet werden kann. Nicht selten sind es die Psychiatrieerfahrenen selbst, die darauf hinweisen, obwohl es schwer fallen kann auf Hilfe zu verzichten, auch wenn die Hilfe eigentlich nicht mehr gebraucht wird. So wird es den Psychiatrieerfahrenen weiter erschwert sich frei zu machen.

Es kann durchaus der Fall sein, dass ein Psychiatrie-Erfahrener morgens in der Wohngemeinschaft des Ambulant Betreuten Wohnens aufwacht, dann tagsüber in der Werkstatt für behinderte Menschen arbeitet und einen großen Anteil seiner Freizeit in der Tagesstätte oder mit unterschiedlichen psychosozialen Therapien verbringt. Da wird aus einer Gruppenzugehörigkeit ein Ghetto. 

Es gibt auch den Fall, dass Psychiatrieerfahrene gar nicht mehr den Willen haben sich von psychiatrischer Hilfe zu emanzipieren, um Zugang zu anderen Bereichen der Gesellschaft zu finden. Teilweise weil sie an den Versuchen gescheitert sind oder grundsätzlich den Mut verloren haben, sich auf das Unbekannte einzulassen. 

Es gibt sogar Psychiatrieerfahrene die bewusst auf gelungende Inklusion verzichten, weil sie sich in ihrer Subkultur wohl fühlen, dort exklusives Verständnis bekommen und keinen Grund sehen sich auf eine Gesellschaft einzulassen, die nicht nur Angenehmes zu bieten hat. Unverständnis, Leistungs- und Anpassungsdruck, Oberflächlichkeit, Konsumdenken und Vorurteile mit denen der um Integration bemühte Psychiatrieerfahrene konfrontiert wird - von Inklusion ganz zu schweigen. Sicher verzichtet der Inklusionverweigerer auf erweiterte Erlebnismöglichkeiten, aber es muss nicht sein, dass er diese vermisst. 

Bei manchen Psychiatrieerfahrenen gibt es strenge Hierarchien zwischen Psychiatrie-Erfahrenen und Nicht-Psychiatrieerfahrenen im umgekehrten Sinn, das heißt es werden große Anstrengungen unternommen sich mit psychisch "Gesunden" zu umgeben und sich anzufreunden und die psychisch "Kranken" werden abgewertet, obwohl man selbst psychiatrieerfahren ist. 

Es gibt also vielerlei Arten, wie mit Inklusion und der Zweigruppenproblematik im Einzelfall umgegangen werden kann. Der Autor dieses Artikels ist sich noch unschlüssig, ob es ihm gelingen könnte, seine jahrzehntelange ihn tragende Identifikation mit der Gruppe der Psychiatrieerfahrenen aufzugeben und sich aufzumachen nicht mehr in "krank" und "gesund" zu denken und zu unterscheiden, sondern sich nur als verschieden unter vielen verschiedenen Menschen zu sehen. Dies scheint einerseits reizvoll, würde aber sehr viel Energie und Veränderungsaufwand benötigen. Die Frage ist, ob es die Mühe wert ist?

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