Donnerstag, 9. Juli 2020

Corona-Streiflichter

Dieser Text nennt in kurzen, voneinander unabhängigen Abschnitten Erfahrungen, die wir Psychiatrieerfahrenen mit Corona gemacht haben:

Allgemeine Aussagen
  1. Teilweise ergab sich durch Corona eine weitere Perspektive auf die Unterstützungsangebote, das heißt eingefahrenes Vorgehen muss nun hinterfragt und Neues integriert werden. In manchen Fällen ist zu überlegen, digitalen Austausch weiter beizubehalten. Hierbei sollte aber der Nutzen für den Betroffenen in den Blick genom werden und nicht der Nutzen für die Einrichtung. Auch für den Nutzer kann es eine Erleichterung sein, wenn zum Beispiel bei ihm die Wegstrecke weg fällt - vor allem im ländlichen Raum.
  2. Das Vorgehen der Träger war in den unterschiedlichen Stadt- und Landkreisen sehr unterschiedlich. Manche Träger waren mit den Schutzmaßnahmen sehr vorsichtig, so dass die Regelungen deutlich strenger waren, als die Verordnungen des Sozialministeriums. Es ergibt sich da die Frage, ob dies nicht ein illegaler Entzug von rechtlich gestatteter Teilhabe darstellt? Vor allem in Heimen stellte sich diese Frage - besonders als die ersten Lockerungen verordnet wurden. Aber auch anderweitig gab es dieses Problem.
  3. Neben den Schwierigkeiten, die mit dem Entzug von Freiheit zusammenhängen, zeigte sich vor allem in jüngster Zeit, dass angesichts der Lockerungen auch die Rückkehr in ein "normaleres" Leben nicht einfach ist. Man hatte sich an die Einschränkungen gewöhnt und die Umgewöhnung wieder vermehrt Pflichten und Termine wahrzunehmen, fiel nicht allen leicht.
  4. Teilweise haben Eltern, deren Kinder in Heimen leben, diese zu sich nach Hause genommen - mit all den Konsequenzen, die diese zusätzliche Belastung für sie und die Kinder mit sich brachte.
  5. Menschen, die aus psychischen Gründen keine Maske tragen können, hatten selbst mit einem ärztlichen Attest große Problem sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Sie wurden angefeindet und beschimpft.
  6. Auch die psychiatrische Versorgung ganz allgemein zeigte sich von Region zu Region sehr unterschiedlich. Während es mancherorts aufgrund der zu ergreifenden Schutzmaßnahmen zu Versorgungsengpässen kam, konnte in anderen Regionen die professionelle Unterstützung unter veränderten Bedingungen und Voraussetzungen gut aufrecht erhalten werden.
  7. Auch bei den Psychiatrieerfahrenen war die Reaktion auf den Lockdown ganz unterschiedlich. Während manche Psychiatrieerfahrene kaum Veränderung in ihrem Leben hatten, da sie schon vor Corona zurückgezogen lebten, kamen andere in ernsthafte psychische Krisen und Konflikte eskalierten. Man kann plakativ sagen, "die Schwachen wurden stark und die Starken schwach". Damit ist gemeint, dass Psychiatrieerfahrene, die vorher unter Ausgrenzung und Isolation litten, wenig Probleme hatten und Psychiatrieerfahrene, die vor Corona ein ereignisreiches und vielfarbiges Leben führten, hatten große Schwierigkeiten mit den coronabedingten Veränderungen klar zu kommen.
  8. Viele Psychiatrieerfahrene haben in ihrer Biografie hilfreiche Erfahrungen im Umgang mit existentiellen Krisen gemacht. Aber sie haben auch teilweise sozialen Abstieg hinter sich, leben in finanziell bescheidenen Verhältnissen und sind schön öfters mit Existenzängsten konfrontiert. Da können die möglichen negativen Folgen von Corona auf die persönliche Lebenssituation unter Umständen besser verarbeitet werden, als von Menschen, die in ihrem Leben bisher im Großen und Ganzen keine wirklich schweren materiellen und emotionalen Krisen erlebt haben. 
  9. Vor allem ganz zu Beginn der Pandemie, gerieten die Bedürfnisse der Nutzer komplett aus dem Blick. Sie wurden auf individueller Ebene nicht gefragt, was sie bezüglich der notwendigen Schutzmaßnahmen brauchen und für wichtig halten und auch die Interessenvertretungen waren komplett abgeschnitten von den Überlegungen und den Entscheidungen der verantwortlichen Fachpersonen. Eine Partizipation Psychiatrieerfahrener fand nicht mehr statt. Allerdings muss gesagt werden, dass Corona ein noch nie dagewesener, sehr schwieriger Ausnahmezustand darstellt und sich alle in ihren Möglichkeiten bemühten, die psychiatrische Begleitung und Behandlung so gut wie möglich fortzuführen. Dies zeigt sich auch in dem Ergebnis, dass es zu keiner Überlastung des Gesundheitssystem gekommen ist und man die Infektionszahlen in den Griff bekommen hat. Wir wollen alle hoffen, dass das so bleibt.
  10. Als die Gefahr von Corona deutlich wurde, wurden unserer Wahrnehmung nach in manchen Regionen sämtliche Kooperationen zwischen den Trägern abgebrochen. Es fand unseres Wissens auch kein übergreifender digitaler Austausch auf Trägerebene mehr statt und man hatte den Eindruck, dass jeder Träger zuerst mal um seine Einrichtung bemüht war und nicht mehr über den eigenen Tellerrand hinausschaute. Es ist die Frage, ob das wirklich so sein muss. Ich denke, sollte eine zweite Infektionswelle auf uns zukommen, sind wir gewappnet und halten gleich zu Beginn das ganze regionale Hilfesystem im Blick.
  11. Es hat sich wie in der freien Wirtschaft und in den Schulen gezeigt, dass auch - oder sogar vor allem - die Digitalisierung im Sozialbereich und auch bei den dortigen Klient*innen noch sehr entwicklungsbedürftig ist. In nicht absehbarer Zeit wird digitale Kommunikation ein wesentlicher Bestandteil unseres Alltags bleiben. So wie sich die Sozialunternehmen sich darauf einstellen müssen und Investitionen dafür getätigt werden müssen, so ist es auch notwendig bei den Klient*innen verstärkt darauf zu achten, dass diese in der Bedienung von Laptop, PC, Smartphone und Tablet angeleitet und geschult werden und vor allem Menschen in prekären Lebenssituation Hardware zur Verfügung gestellt bekommen. Ein Internetzugang und die zugehörigen Geräte zu besitzen, kann heutzutage als ein Grundrecht angesehen werden. Menschen, die zu Hause keinen Zugang zum Internet haben, sind informationell und kommunikativ absolut ausgegrenzt und können viele Dinge nur noch sehr umständlich und aufwändig tun beziehungsweise regeln.
  12. Nicht wenige Betroffene haben Hilfe bei den verschiedenen digitalen Unterstützungsangeboten und Telefonhotlines gefunden. Besonders erwähnenswert ist dabei der Rettungs-Ring (rettungs-ring.de), der aus der Ulmer Selbsthilfe seelische Gesundheit heraus ganz früh entstanden ist, als  moderiertes, webbasiertes Video- und Telefonkonferenzsystem. Hier engagieren sich inzwischen zahlreiche Moderatoren und man darf gespannt sein, ob der Rettungs-Ring auch nach weiteren Lockerungen bestehen bleibt. 
  13. Für manche Psychiatrieerfahrene brachte Corona auch bewusst gewählte Veränderungen mit sich, indem sie durch die zu bestehende Ausnahmesituation erkannten, wie sie ihr Leben zum Besseren hin beeinflussen können. Zum Beispiel durch den erstarkten Willen gesunder zu leben oder andere grundsätzliche Werte und Haltungen zu übernehmen. 

Erfahrungsberichte
  1. Eine psychiatrieerfahrene Mutter, deren geistig und körperlich schwer behindertes Kind im Heim wohnt, berichtet von sehr negativen Erfahrungen, die sie damit gemacht habe. Sie konnte ihr Kind 10 Wochen lang nicht sehen. Dass im Heim kein Internet zur Verfügung stand, verstärkte die Problematik, da nicht einmal ein digitaler Kontakt möglich war. Nachdem es erlaubt wurde, das Kind nach Hause zu nehmen, war es schwierig damit zurecht zu kommen, dass bei ersten Anzeichen von Erkältungssymptomen eine 14 tägige Quarantäne drohte. Somit hätte sie 14 Tage Urlaub nehmen müssen, um sich um ihr Kind zu kümmern. Die Frau schreibt, es habe ihr Mutterherz geblutet. 
  2. Eine Frau schrieb uns, dass sie große Probleme habe mit Zoom und ähnlicher Video-Software klar zu kommen. Andere Psychiatrieerfahrene hätten nicht einmal die entsprechende Ausstattung, um am Austausch per Video teilzunehmen. Auch hätte Corona, die ihr schon bekannte Hilflosigkeit und Unsicherheit wieder ausgelöst. Das hätte sie viel Kraft gekostet, nicht wieder in eine psychische Krise zu geraten.
  3. Eine Psychiatrieerfahrene Mutter und Großmutter teilte mit, dass Sie am Anfang der Pandemie Mitte März im Urlaub war und sogar noch eine Freundin besucht hatte. Sie hatte die Freundin schon lange nicht mehr gesehen. Als ein Virologe davon sprach, dass die Kindergärten und Schulen geschlossen werden müssen, konnte sie das nicht glauben. Aber es kam dann ja bekannterweise so. Kurz nach Inkrafttreten der Coronaverordnung, musste sie als pflegerische Fachkraft  wieder weiter arbeiten. Die Stradtbahnen und Busse waren leer, die Menschen zuerst ohne und dann mit Masken. Ihren Enkel durfte sie bis Samstag vor dem Muttertag am 10. Mai nicht sehen und auch dann nur im Freien. Den runden Geburtstag von ihrem Lebensgefährten konnten sie nicht entsprechend feiern. Für die Diamantene Hochzeit vor kurzem, gab es dann aber ein Fest. Die ganze Zeit war sie 1-2 mal wöchentlich bei ihren Eltern, die ihre Hilfe brauchen. Ihnen wurde durch die Enkelin und Schwiegersohn eingekauft. Die Schreiberin hofft sehr, dass die Zahlen nicht wieder ansteigen und erschreckt jedes mal, wenn der Virus irgendwo wieder auftaucht. Dies ist wieder ein gutes Beispiel dafür, dass psychiatrieerfahrene Menschen sehr wohl leistungsfähig sein können und auch schwierige Alltagsherausforderungen bewältigen können. 
  4. Eine psychiatrieerfahrene Mitarbeiterin einer psychiatrischen Klinik beschrieb, wie mit den Patienten in ihrer Klinik umgegangen wurde. Innerhalb von 24 Stunden musste eine komplette Station geräumt werden. Dabei war zu entscheiden, welche Patienten stabil genug sind, um "zu Hause überleben". Es war für die Behandler und die Patienten eine äußerst  schwierige Situation. Die Mitarbeiterin hat den Eindruck, dass die Stationen leer blieben, solange es bezahlt wird. Erst wenn kein Geld mehr dafür fließe, würden die Stationen wieder geöffnet. Sie betont, dass ein Krankenhaus nicht nur unter ökonomischen Gesichtspunkten geführt werden darf, weil es dort um Menschen geht und nicht um eine Ware. 
  5. Eine psychiatrieerfahrene Frau entwickelte zu Beginn der  Pandemie Ängste und wurde aufgrund des Lockdowns psychotisch. Nach und nach erholte sie sich und hat sich inzwischen an die Einschränkungen gewöhnt. Sicherlich auch aufgrund der Lockerungen. Ihr Organisationstalent hätte sie gerettet, schreibt sie. Jetzt kauft zum Beispiel jede Woche jemand für sie und ihren Mann ein. Vor allem die Kontakte zu anderen Betroffenen habe sie stabilisiert. Die Beziehungen zu den sogenannten Gesunden wurden schwierig, seien teilweise sogar abgebrochen. Wichtig war für sie, dass ihr ihre Psychologin weiterhin Termine angeboten hatte. Ihr ebenfalls psychiatrieerfahrener Mann, der in einer Werkstatt  für behinderte Menschen arbeitet, musste 3 Monate zu Hause bleiben, was die heimische Situation erschwerte. Seitdem er wieder in die Werkstatt geht, hat sich das gemeinsame Wohnen wieder entspannt. Die beiden sind froh, dass sie es diesmal ohne die psychiatrische Klinik geschafft haben. 
  6. Laut der Aussage einer Mitarbeiterin einer Beschwerdestelle, gab es durch Corona vermehrt Suizide unter den psychisch belasteten Menschen. Leider gibt es dazu keine Statistiken.
  7. Eine andere Psychiatrieerfahrene berichtet, dass Corona einiges bei ihr verändert habe. Seit Corona seien ihre abendlichen Essanfälle, die sie schon seit 20 Jahren hatte, seit Wochen verschwunden, weil sie zu einer angemessenen Ernährung gefunden hat. Zudem hat sie sich endlich eine neue Therapeutin gesucht und will ihr altes Hobby Reiten wieder aufleben lassen. Diese Geschichte ist exemplarisch für neu erlerntes Verhalten aufgrund Corona. 
  8. Ein 58jähriger Mann mit fast 40 Jahre Psychiatrieerfahrung schreibt, dass sein Coronaerleben bisher aus 4 Phasen bestand: (1.) Jetzt erst recht sich engagieren. (2.) Mit wenig tun lebt es sich auch ganz gut. (3.) Corona macht depressiv. (4.) Jetzt ist Zeit, das eigene Leben zu ändern. Seine paradoxe Erfahrung ist seitdem: Von der Selbstoptimierung zur Selbstannahme setzt Energie frei zur Veränderung. Tatsächlich habe er jetzt zum ersten Mal mit ernsthaftem Willen damit begonnen, gesünder zu essen, seine Haltung zu sich selbst und zu Gott zu ändern, Neues zu wagen und sich mehr zu bewegen.
  9. Eine psychiatrieerfahrene Frau schreibt, dass ihr die sozialen Kontakte sehr gefehlt hätten. Sie durfte ihre Mutter im Pflegeheim sehr lange nicht sehen. Ein Trost sei es für die Tochter gewesen, dass sie ihrer Mutter einkaufen durfte. Den Einkauf musste sie vor dem Heim dem Personal aushändigen. Sie habe große Achtung vor dem Personal im Pflegeheim, die unter Corona viel mehr zu tun hätten. Die Bewohner hätten mit der Isolation große Probleme gehabt. Später durfte sie ihre Mutter nur in einer Kapelle oder einem Zelt für eine halbe Stunde besuchen. Das Personal schrieb die Besuchzeiten vor. Die Tochter hat aber Verständnis für das Vorgehen des Personals, denn nicht nur sie, hätte jeden zweiten Tag angerufen und nicht nur ihr habe man das Fieber messen müssen. 
Fazit: Es gibt keine einheitliche Aussage zur Wirkung von Corona auf die Psychiatrieerfahrenen und auch  nicht bezüglich des psychiatrischen Unterstützungssystems, wie es nicht den typischen Psychiatrieerfahrenen gibt. Psychiatrieerfahrene Menschen sind so verschieden, wie alle anderen Menschen und haben dieselben Bedürfnisse. Das unterstützt vielleicht die anthropologische These, dass psychische Erkrankungen nichts anderes sind, als intensive Ausprägungen von ganz natürlichen Emotionen und Veranlagungen, die in allen Menschen angelegt sind und die grundsätzlich nachvollziehbar sind, wenn man sich ausführlicher damit beschäftigt. Es könnte demnach ein Mythos sein, dass psychotische Wahninhalte nicht verstehbar und nicht einfühlbar sind, vor allem, wenn man sich deren Symbolcharakter vergegenwärtigt. Leider spricht allerdings die Alltagspraxis dagegen, da es zum Beispiel selten zu gelingenden Beziehungen zwischen psychiatrieerfahrenen und nicht psychiatrieerfahrenen Menschen kommt. Viele Fachkräfte sagen auch, dass sie dringend auf die Beschreibungen von Psychiatrieerfahrenen angewiesen sind, um wenigstens einigermaßen nachvollziehen können, wie jemand mit einer psychischen Einschränkung erlebt. Aber das führt über das eigentliche Thema dieses Textes hinaus. 


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An dieser Stelle möchte ich auf den 16. Rundbrief des Bundesweiten Netzwerks Sozialpsychiatrischer Dienste verweisen, der sehr lesenswert die Coronaerfahrungen aus professioneller Sicht beschreibt: Link zum 16. Rundbrief

1 Kommentar:

  1. Sehr gut erfasst und beschrieben. Wie ich meine Corona-Zeit erlebt habe, kannst Du auf meiner Internetseite nachlesen: http://www.czarnitzki.net/component/content/article/14-depressions-blog/27-was-hat-mir-geholfen-in-der-corona-krise-nicht-in-depression-zu-verfallen?Itemid=101

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