Samstag, 11. Juli 2020

Mängelliste Psychiatrie

Mit dieser Liste sollen Mängel in der Psychiatrie benannt werden, die der LVPEBW besonders im Blick hat:

1. Partizipation Psychiatrieerfahrener ist nicht ausreichend 

Als Mitglied der AG Partizipation setzt sich der LVPEBW dafür ein, dass sich die Partizipation Psychiatrieerfahrener bei den Entscheidungen und Prozessen bezüglich der Förderung seelischer Gesundheit auf allen Ebenen verbessert. Im Speziellen führt der LVPEBW zusammen mit dem Landesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen das Projekt IPAGs durch, dass die Partizipation Psychiatrieerfahrener und Angehöriger im Gemeindepsychiatrischen Verbund (GPV) stärkt. Um dieses Ziel zu erreichen, soll eine Beratungs- und Unterstützungsstelle auf Landesebene eingerichtet und dafür ein Vollzeitstelle geschaffen werden. Der Projektleiter organisiert Informationsveranstaltungen und Schulungen für die Interessenvertreter*innen der Psychiatrieerfahrenen und Angehörigen. Zudem sammelt er gelungene Beispiele von GPV-Partizipation der Selbsthilfe, um diese auszuwerten und soweit wie möglich auf andere Kreise zu übertragen. Eine weitere Aufgabe wird es sein, aus den Erfahrungen mit den GPVs Standards für gute Interessenvertretung zu entwickeln. Auch vor Ort soll der Projektleiter tätig werden und in ausgewählten Kreisen die Interessenvertreter*innen und die Selbsthilfe seelische Gesundheit unterstützen, was als Nebeneffekt auch den beiden Selbsthilfeverbänden der Psychiatrieerfahrenen und Angehörigen nutzt. 
Ein gut funktionierender GPV ist für den LVPEBW ein besonders wichtiges Anliegen, damit es den psychiatrischen Akteuren in gemeinsamer Verantwortung endlich gelingt, die kommunale Psychiatrie wirklich gemeindenah und Versorgungsgrenzen überschreitend zu gestalten. Ende Juni 2020 wurde der entsprechende Förderantrag bei Aktion Mensch gestellt, der die Finanzierung des Projektes sicherstellen soll. 


2. Zuwenig Recovery in Baden-Württemberg 

Recovery ist eine Haltung und zugleich Methode und Konzept, um zur Genesung von seelischer Erschütterung zu gelangen. Es handelt sich um einen langfristigen Entwicklungsprozess bei dem der Glaube an Besserung, das Aufrechterhalten von Hoffnung und die Sinnfindung von zentraler Bedeutung sind. Es geht nicht um Symptomfreiheit, sondern darum, dass für jeden Menschen, unabhängig von der Schwere seiner Einschränkung, ein erfülltes und gutes Leben möglich ist. Rückschritte, Krisen und Stagnation können selbstverständlicher Bestandteil eines sehr individuellen Recoverywegs sein.

Der LVPEBW hat das Ziel, dass Psychiatrie-Fachpersonal reoveryorientiert arbeitet, psychiatrische Unterstützungssysteme recoverybasiert strukturiert sind und vor allem, dass Menschen, die in psychischen Krisen sind oder waren, von Recovery profitieren. 
Dazu unterstützt der LVPEBW den Aufbau und die Vernetzung von Recoverycolleges, bietet Recoverykurse für Menschen mit seelischen Problemen an und führt Recoveryschulungen für Fachpersonen durch. Darüber hinaus engagiert sich der LVPEBW auch politisch für die Verbreitung von Recovery ein. 


3. Heimbewohner brauchen Unterstützung  

Seit vielen Jahren wird versucht Fern- und Fremdplatzierungen psychiatrieerfahrener Menschen zu verhindern. Damit ist gemeint, dass Psychiatrieerfahrene teilweise in fernen anderen Bundesländer aufgenommen werden, weil es vor Ort keine passenden Angebote gibt und noch relativ junge Psychiatrieerfahrene in Altersheimen wohnen müssen oder in Pflegeheimen, obwohl sie Anspruch auf Eingliederungshilfe hätten. Im Gegensatz zu Pflegeheimen, wird in Heimen der Eingliederungshilfe besonderen Wert auf die Inanspruchnahme und Entwicklung von Teilhabe gelegt. 

Diese Praxis ist im Grunde genommen ein Skandal. Darüber hinaus gibt es immer noch Heime in denen die Rechte und die Würde der Bewohner missachtet werden. 

Die Unterstützung bei der Strukturierung des Tagesablaufs ist mit das Wichtigste, um bestmöglich die Chance zu erhalten, dass den Heimbewohnern der Schritt aus dem Heim heraus gelingt, in eine freiere Wohnform. Die Gefahr ist groß, sich im Heim an die umfassende Hilfen zu gewöhnen und zu hospitalisieren. Diese Tagesstrukturierung ist nur in Heimen der Eingliederungshilfe ausreichend gegeben. 

Übrigens gibt es im neuen SGB IX, wo die Eingliederungshilfe geregelt ist den Begriff des Heimes nicht mehr. Diese Art des Wohnens wird jetzt "besondere Wohnformen" bezeichnet. 

Der LVPEBW spricht diese Themen auf Orts- und Landesebene kontinuierlich in den zuständigen Gremien an und ist mit Heimbewohnern in Kontakt. Um Heimbewohner diesbezüglich erfolgreich zu unterstützen, braucht es einen langen Atem, da hier viele unterschiedliche Interessen zusammentreffen und oft ökonomische Überlegungen im Vordergrund stehen. 


4. Die Rechte und die Bedürfnisse der Psychiatrieerfahrenen werden missachtet 

Psychiatrieerfahrene sind in hohem Maße gesellschaftlich und individuell stigmatisiert. Häufig werden ihre Rechte und ihre Bedürfnisse missachtet. Aufgrund ihrer psychischen Einschränkungen gelingt es ihnen oft nicht, sich durchzusetzen. Mit unter anderem Sozialarbeit, gesetzlicher Betreuung, der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) und in Baden-Württemberg mit den flächendeckenden Informations-, Beratungs- und Beschwerdestellen (IBB-Stellen) wurden deswegen Strukturen geschaffen, die Psychiatrieerfahrene unterstützen. Trotzdem treten immer wieder Situationen auf bei denen Psychiatrieerfahrene nicht zu ihrem Recht kommen. 

In dieser Hinsicht sind besonders die Sicherungs- und Zwangsmaßnahmen in den meist geschlossenen Aufnahmestationen der psychiatrischen Kliniken zu nennen. In den letzten Jahren hat sich hier die Gesetzgebung sehr zu Gunsten der Patienten geändert. Konkrete Vorschriften und Richtervorbehalte wurden eingeführt, wo früher das erlaubte und verbotene Vorgehen des Personals nur vage angedeutet war und Willkür dadurch gefördert wurde. Mit Zwang und Gewalt in der Psychiatrie werden entscheidende Rechte unserer Verfassung berührt, nämlich das Recht auf körperliche Unversehrtheit, die Unantastbarkeit der Menschenwürde und viele andere Freiheitsrechte. 

In diesem Kontext erleben viele Psychiatrieerfahrene viel Leid. Etliche sind durch das Erleben von Zwang und Gewalt, wie zum Beispiel Fixierung, Zwangsmedikation und Isolierung lebenslang traumatisiert und verlieren dauerhaft ihr Vertrauen in die Psychiatrie und deren Personal. 

Der LVPEBW war 2015 beim Entstehen des Psychisch-Kranke-Hilfe-Gesetz (PsychKHG) Baden-Württemberg beteiligt und konnte so auch in dieser Hinsicht Einfluss auf die Gesetzgebung nehmen. Leider wurden eine wichtige Forderung des LVPEBW zur Zwangsbehandlung nicht ins Gesetz übernommen 

In den letzten Jahren hat der LVPEBW dieses Thema etwas aus den Augen verloren, was nicht zuletzt durch die diesbezüglich heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Selbsthilfe Psychiatrieerfahrener begründet ist.  Einige Jahre sind seitdem vergangen und im Vorstand des LVPEBW gibt es inzwischen grundsätzlich Einigkeit, was die Haltung zu Zwang und Gewalt in der Psychiatrie anbelangt. Es ist an der Zeit, dass sich der LVPEBW wieder mehr dazu äußert, wenn sich die passende Gelegenheit dazu bietet.


5. Psychopharmaka dominieren die Psychiatrie 

In der Psychiatrie hat sich inzwischen das bio-psycho-soziale Verständnis einer psychischen Problematik durchgesetzt. Das bedeutet, dass fast jede psychische Störung durch den Körper, hier vor allem der Hirnstoffwechsel, durch die Persönlichkeit und den Geist und durch das soziale Umfeld bedingt ist. Die Kunst der Behandlung und der Begleitung ist es, den Einfluss der verschiedenen Faktoren zu verstehen, zu bewerten und so zu verändern, dass es im besten Fall zur Heilung kommt. 

Das Hilfesystem ist (leider) so aufgebaut, das jede Profession dabei ihren Schwerpunkt setzt. Die klinische Psychiatrie betrachtet besonders den Stoffwechsel und greift meist zu Psychopharmaka, um die Symptome in den Griff zu bekommen, die Psychotherapie beschäftigt sich vor allem mit den Emotionen, den Gedanken und dem Verhalten des Patienten und die Gemeindepsychiatrie nimmt vor allem das soziale Umfeld in den Blick und sucht dort nach Möglichkeiten, die Leiden der betroffenen Menschen zu lindern. Inzwischen kommt es manchmal vor, dass man Fachpersonen trifft, die versuchen alle drei Faktoren zu berücksichtigen, was systembedingt schwierig ist und eher in seltenen Fällen gelingt. 

Wenn man mit der Psychiatrie in Kontakt kommt, wird man fast immer vor die Wahl gestellt, ob man Psychopharmaka nimmt oder nicht - eigentlich immer. Und häufig werden einem die Medikamente so präsentiert, dass man nicht wirklich eine Wahl hat. Fast alle Psychiatrieerfahrene - oder zumindest sehr viele - sträuben sich dagegen Psychopharmaka einzunehmen, sind sie doch gesundheitsschädlich, können üble Nebenwirkungen haben und verändern auf die Dauer die Persönlichkeit. Eine Psychiatrie ohne Psychopharmaka ist also nicht vorstellbar. 

Im Gegensatz zur nichtpsychiatrieerfahrenen Bevölkerung, wo gemeinhin der Glaube an Psychopharmaka sehr hoch ist, neigen viele Psychiatrieerfahrene dazu innerpsychische oder soziale Erklärungsversuche zu bevorzugen. 

Es ist unumstritten, dass Psychopharmaka oft positiv auf die Symtome der psychischen Störung wirken. Viele kritisieren jedoch, dass  die zugrundeliegende Problematik unbearbeitet und unverändert bestehen bleibt. Eine wirkliche Genesung findet nicht statt und die Abhängigkeit von Psychopharmaka dauert an. 

Ebenso als schwierig wird angesehenen, wenn der Patient seine ganze Hoffnung auf die Medikamente setzt und somit die Gefahr besteht, das er andere, nichtmedikamentöse Therapieformen vernachlässigt, die zu einer Verbesserung seiner Befindlichkeit führen könnten. Wie oben gesagt, ist der Königsweg alle drei Einflussfaktoren zu beachten. Hier zu guten Lösungen zu kommen ist oft ein langer, wechselhafter Weg. 

Von vielen Seiten wird auch bemängelt, dass es kaum Psychiater gibt, die sich gut mit der Reduktion und dem Absetzen der Medikamente auskennen und auch wagen, dies zu tun. Aus Unsicherheit und Angst vor einem Rückfall wird dann lieber noch ein weiteres Medikament dazugegeben, als eines durch das neue zu ersetzen. So entstehen bei manchen Patienten wahre Medikamentencocktails, die auch für den Fachmann unberechbar und vermehrt gesundheitsschädlich sind. Letztendlich ist es häufig ein langes Ausprobieren, bis das richtige Psychoparmakon in der richtigen Dosierung gefunden wird. 

Häufig liegt es gerade auch an der Unkenntnis der Psychiater, wie man richtig reduziert und dann absetzt, dass erneute Krisen oder negative Reaktionen auf die Medikamentenreduktion auftreten. Dann bekommt der Patient oder seine psychische Problematik die Schuld, obwohl eigentlich der Psychiater für die Verschlechterung die Verantwortung hat. 

Schon lange ist der Teufelskreis bekannt, der durch den Druck und den Zwang ausgelöst wird, den Psychiater teilweise immer noch auf die Patienten ausüben. Der Psychiater fordert den Patienten nachdrücklich auf die Psychopharmaka einzunehmen. Manchmal sogar mit der Drohung in sonst nicht weiter zu behandeln. Weil der Patient nicht wirklich von seinen Medikamenten überzeugt ist und vielleicht auch Nebenwirkungen auftreten, setzt er sie abrupt ab. Es ist erwiesen, dass vor allem bei Neuroleptika, die Rückfallgefahr um ein Vielfaches erhöht ist, wenn sie nicht nach und nach ausgeschlichen werden. Die Fachleute nennen das das Auftreten einer Absetzpsychose. Also gerät der oben genannte Patient erneut in eine Krise. Wenn er dann beim Psychiater vorspricht, wird im vorgeworfen, die Medikamente abgesetzt zu haben. Sein Widerstand gegenüber dem Psychiater erhöht sich und das Vertrauensverhältnis ist belastet, sodass sich der ganze Vorgang beim nächsten Mal wiederholt. So gilt bei dem Verschreiben von Psychopharmaka das altbekannte Motto "Verhandeln statt behandeln", woran sich in den letzten Jahren die Psychiater auch vermehrt orientieren. Aber Psychiater der alten Schule gibt es immer noch. 

Weiter ist es unverantwortlich, das manche Psychiater immer noch jungen Menschen prophezeien, dass sie ihr ganzes Leben Psychopharmaka nehmen müssten und nie mehr ganz gesund werden würden. Dazu kann mit dem Spruch von Karl Valentin geantwortet werden: "Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen". Ernsthaft: eine Leben kann so unerwartet verlaufen, dass eine Fachperson einem Psychiatrieerfahrenen nicht die Hoffnung auf Genesung nehmen darf. Sicher sollten keine übertrieben positive Aussagen gemacht werden, aber die Aussicht auf ein psychopharmakafreies Leben, sollte dem Patienten nicht genommen werden. Wenn er dann nach wiederholten, negativen Erfahrungen mit Reduzieren oder Absetzen selbst auf die Erkenntnis kommt, dass er die Medikamente einfach braucht, dann ist das etwas anderes. 

Man kann sogar so weit gehen, dass jeder Patient mindestens einmal einen von einem Facharzt begleiteten Absetzversuch unternehmen sollte, denn wie sonst sollte er seine Minimaldosis kennen lernen, die so wichtig, für ein weitestgehend beschwerdefreies Leben ist. Nicht immer, aber häufig ist auch eine erneute akute Krise keine Katastrophe und die Angst davor sollte das Leben des Patienten nicht beherrschen. Und nicht selten sind solche Krisen der Beginn einen besseren Weg zu finden und sich und das eigene Leben besser zu verstehen. 

Es ist ein Segen, dass die Pharmaindustrie immer bessere Wirkstoffe entwickelt, aber dass die medizinisch-biologische Psychiatrie solch große Bedeutung erlangt hat und das nicht zuletzt, weil enorme Gelder in die entsprechende Forschung geflossen sind, das ist letztendlich nicht hilfreich für den Patienten. Dazu ist zu bemerken, dass sich die Pharmaindustrie in bestimmten Bereichen, wie zum Beispiel bei den Antipsychotika, die Forschung weitgehend eingestellt hat. Es rechnet sich nicht mehr. Die Manager dieser Unternehmer glauben nicht mehr daran, so wirksame Wirkstoffe zu entdecken, mit denen die enormen Investitionen ausgeglichen werden können und ein Milliardengeschäft gemacht wird, wie mit bestimmten Marken in der Vergangenheit geschehen. Bei den Neuroleptika werden derzeit bestehende Wirkstoffe variiert und Details verändert. Das scheint immer noch gewinnträchtig zu sein. 

Noch eine Bemerkung zu den Ärzten. Es ist auch systembedingt, dass Ärzte so viel Psychopharmaka verschreiben. Es fehlen finanzielle Anreize für die Fachärzte, sich für ein Gespräch Zeit zu nehmen. Solange viele Besuche beim Psychiater weniger als 15 Minuten dauern, weil die Vergütung von Gesprächen so schlecht ist, bleibt den Psychiatern gar nichts anderes übrig, als zum Rezeptblock zu greifen, zumal sie das in ihrer Ausbildung am besten gelernt haben. Manchmal ist es auch ein Zeichen von Hilflosigkeit oder das Zeigen und Empfinden ihrer Daseinsberechtigung. 

Es ist kein Zufall, dass viele Psychiater nur noch Psychotherapie anbieten, vermutlich weil sie den Patientinnen ganzheitlicher erleben und ihn eine zeitlang intensiver begleiten können und nicht zuletzt, weil es auch lukrativer ist. Schade nur, dass dadurch der Mangel an Psychiatern vor allem in ländlichen Gebieten noch größer wird. 

An dieser Stelle noch ein Exkurs zu den psychiatrischen Kliniken, die häufig im Zentrum der Psychiatriekritik stehen, weil dort Zwangsmaßnahmen durchgeführt und besonders viel Psychopharmaka gegeben werden. Vielen Patienten wird in der Klinik tatsächlich geholfen, manchmal dort sogar das Leben gerettet. Es ist einfach schwierig, wenn schwer akut psychisch kranke Menschen Tag und Nacht auf engem Raum zusammen sind. Aber die Psychiatrien werden dringend gebraucht und vor allem Menschen, die bereit sind darin zu arbeiten. 

Wenn die Mitarbeitenden im Ambulant betreuten Wohnen, im Sozialpsychiatrischen Dienst, in der Tagesstätte usw. nicht mehr weiterkommen, sind sie froh, dass es die psychiatrischen Kliniken gibt. Ich finde das Klinikpersonal kann sogar stolz darauf sein, dass es ihm gelingt manchmal viele Jahre eine sehr gute Arbeit zu machen. Sie sind ganz nahe dran an den Menschen, die sie mit ihren akuten Störungen notwendig brauchen. Viele Patienten geben schnell der Klinik die Schuld, dass es ihnen dort schlecht geht. Dass sie im Moment schwer belastet sind und selbst schwierig im Umgang sind, sehen sie nicht. 

Man sollte es sehr positiv sehen, dass es vereinzelt auch Peers gelingt, auf Aufnahmestationen zu arbeiten. 

Sicherlich ist einiges in psychiatrischen Kliniken verbesserungswürdig und das oben Gesagte soll kein Plädoyer dafür sein, die Anzahl der stationären Klinikplätzen immer weiter zu erhöhen, aber mit der häufigen Pauschalkritik tut man den Kliniken und vor allem dessen Personal Unrecht. Wo kommen wir hin, wenn immer weniger Fachpersonen bereit sind im klinischen Kontext zu arbeiten? Das wollen dann doch sogar die meisten extremen Psychiatriekritiker nicht. 

Dieser Punkt 5 sollte auch keine Generalabrechnung mit den Psychiatern sein, denn viele davon sind unverzichtbar für ihre Patienten und machen trotz schwieriger Rahmenbedingungen hervorragende Arbeit. Teilweise sind es auch Mutmaßungen über die Beweggründe der Ärzte und deren Charakter. Es sind Gedanken, die in fast 40 Jahren als Patient entstanden sind. Zumindest auf diesem Hintergrund haben diese wohl schon ihre Berechtigung. 

Die Vorstände des LVPEBW haben alle eine gute Expertise bezüglich Psychopharmaka und es gibt derzeit eine AG, die sich speziell mit Erfahrungen mit Neuroleptika auseinandersetzt - auch wie man diese reduzieren kann. Letztendlich wird das Thema aber im LVPEBW nicht seiner Bedeutung entsprechend gewürdigt, vermutlich weil die Vorstände alle schon älter sind und sich für sich schon genügend damit beschäftigt haben. 


6. Außerhalb der üblichen Dienstzeiten gibt es kaum Unterstützung bei psychischen Krisen

Seit bestimmt 2 Jahrzehnten bemühen sich die Verbände der Angehörigen, der Psychiatrieerfahrene, aber auch Fachverbände, dass der Umgang mit psychischen Krisen vor allem außerhalb der üblichen Dienstzeiten der psychiatrischen Hilfen verbessert wird. In diesen Zeiten sind die Betroffenen in der Regel alleingelassen in ihren Nöten und Leiden. In Bayern werden nun entsprechend dessen Psychisch-Kranken-Gesetz flächendeckend von den Bezirken psychosoziale Krisendienste mitfinanziert. In Baden-Württemberg ist man davon noch meilenweit entfernt. 

Schon vor 15 Jahren hatte das Sozialministerium eine Konzeption vorgelegt, die von den beteiligten Verbänden im Prinzip nur bestätigt und dann an die Stadt- und Landkreise und an die Träger von psychiatrischen Einrichtungen ohne größere Wirkung verschickt wurde. Das Land lehnte darin jegliche finanzielle Beteiligung ab und schaffte dadurch keine Anreize für die Kommune, außer an deren guten Willen zu appellieren. Nur vereinzelt entstanden darauf vor Ort Initiativen. Das Papier verschwand in den Schubladen und Krisendienste blieben weiterhin eine unerfüllte Forderung. 

Nun wurde vor kurzem eine Unterarbeitsgruppe (UAG) des Landesarbeitskreis Psychiatrie Baden-Württemberg (LAK) gegründet. Der LAK ist ein beratendes Gremium des Sozialministeriums. Alle die mit Psychiatrie befassten Akteure auf der Landesebene sind dort Mitglied, also auch die Psychiatrieerfahrenen und die Angehörigen. Der Start der UAG verlief für die Psychiatrieerfahrenen nicht gerade hoffnungsvoll. Erwartungen wurden enttäuscht.  

Zumindest die Psychiatrieerfahrenen fordern Konzeptionen für Krisendienste, die im besten Fall rund um die Uhr jeden Tag zugänglich sind. Auf jeden Fall müssen die Zeiten abends, nachts, am Wochenende und an den Feiertagen abgedeckt sein. Es muss jedem Bürger möglich sein, auch ohne psychiatrische Diagnose den Krisendienst in Anspruch zu nehmen. Neben der telefonischen Beratung an einem Ort, der von den Betroffenen aufgesucht werden kann, muss es multiprofessionelle Krisenteams geben, die in bestimmten Fällen auch aufsuchend tätig werden. Noch besser ist es, wenn eine Krisenwohnung oder zumindest Krisenbetten zur Verfügung stehen, wo die Menschen in Krisen, sich mit professioneller Unterstützung einige Tage zurückziehen können, um ein potentiell belastendes Umfeld verlassen zu können. 

Wenn sich die Unterarbeitsgruppe so weiterentwickelt, ist abzusehen, dass es, wenn überhaupt, nur kleine Lösungen geben wird, die den Bedürfnissen der Betroffenen nicht genügen. 

Das Problem der Krisendienste ist wieder ein gutes Beispiel dafür, dass sich Menschen seit vielen Jahren für etwas einsetzen und sich fast alle einig sind, dass es sich um eine gute Sache handelt, aber auch seit vielen Jahren scheitert es am Geld. 

Solange niemand einen Anfang macht und bereit ist finanzielle Mittel für Krisendienste bereit zu stellen, wird es nur singuläre Insellösungen an den Orten geben, wo es Verantwortliche gibt, die regional begrenzt die Finanzierung sicherstellen. Damit ist aber nur wenigen Betroffenen geholfen. 

Der entscheidende Akteur in dieser Sache ist das Land, das ein Zeichen setzen kann, indem ein bestimmter Anteil an der Finanzierung von Krisendiensten übernommen wird und nicht die Verantwortung auf die Kommunen abgeschoben wird. Dann wird in das Ganze Bewegung kommen und vielen Menschen Leiden abgenommen, was nicht zuletzt teuere Klinikaufenthalte reduzieren und in bei den Krankenkassen Geld einsparen wird. Nebenbei erwähnt, zeigen sich hier wieder einmal die Nachteile unseres vielgliedrigen  Finanzierungssystems für soziale Leistungen, in denen jeder Kostenträger den Fokus nur auf sein Budget hat. 

7. Die Selbstvertretungen Psychiatrieerfahrener sind immer noch zu schwach

Seit 1992 gibt es die organisierte Selbstvertretung Psychiatrieerfahrener in Deutschland. 1993 wurde der LVPEBW gegründet. Seitdem ist dessen Mitgliederzahl auf 450 psychiatrieerfahrene Menschen gestiegen. Viel im Vergleich mit anderen Selbsthilfeverbänden zum Thema seelische Gesundheit, sehr wenig in Anbetracht der vielen Menschen mit psychischen Störungen in Deutschland. 

Im Gegensatz zu den Interessenvertretungen der körper- und sinnesbehinderten Menschen sind die Psychiatrieerfahrenen weit unprofessioneller aufgestellt, haben weniger wirklich kompetente Mitarbeitenden und vor allem weniger Mittel zu Verfügung. 

Zweifellos liegt das daran, dass es psychisch eingeschränkten Menschen häufig schwerer fällt  sich kontinuierlich und zuverlässig für eine Sache zu engagieren und diejenigen die ihre Problematik ausreichend überwunden haben, haben oft kein Interesse daran ihre Psychiatrieerfahrung öffentlich offen zu legen. 

Somit sind es wenige Aktivisten, die sich gesundheitspolitisch für die Anliegen von Menschen mit Erfahrungen mit schweren psychischen Krisen einsetzen. Zudem ist es auch ein Zeichen unserer Zeit, dass sich immer weniger Menschen überhaupt dauerhaft sozial engagieren und zuverlässig dabei zu bleiben ist bei politischer Arbeit unverzichtbar, um erfolgreich zu sein. 

Dazu kommt, dass psychiatriepolitische Arbeit großes Fachwissen voraussetzt, das entweder schon vorhanden sein oder erst nach und nach erlernt werden muss. Neben der Herausforderung in politischen Gremien oder gar auf Veranstaltungen vor meist fremden Menschen zu sprechen, ist das auch eine große Hürde für viele Psychiatrieerfahrene. 

Es ist seit längerem festzustellen, dass die Selbsthilfeaktiven immer älter werden, dass heißt, jüngere Menschen sind mit den üblichen Mitteln nicht (mehr) zu erreichen. Dass die aktuellen Aktiven fast alle in die Jahre gekommen sind, macht die Vereinsarbeit für junge Menschen auch nicht gerade attraktiv. 

Als letzter Grund für die wenigen Selbsthilfeakteure sei hier erwähnt, dass politische Arbeit ein zähe Angelegenheit ist. Oft erst nach Jahren wird ein deutlich sichtbarer Erfolg erzielt und es muss einem gegeben sein, in vielen Gremien zu sitzen, ohne am Ende ein wirkliches Ergebnis zu sehen. Man muss Spass am Diskutieren und das Motto verinnerlicht haben "Schön, dass wir darüber geredet haben".

Wenn jemand all diese Dinge nicht abschrecken, dann kann er bei der Verbandsarbeit sehr erhebende Erlebnisse haben, viele interessante Begegnungen erleben und oft wird dann aus einer Aufgabe eine Berufung, die ein ganzes Leben erhalten bleibt. 

Was tun? 

Bei Vereinen mit geringen Kapazitäten besteht die Gefahr, dass beim anstrengenden Alltagsgeschäft die Basisarbeit vernachlässigt wird. Also das sich kümmern um neue Mitglieder oder das Gewinnen von neuen Engagierten wird zuwenig oder nicht systematisch betrieben. Es braucht übergreifende Konzepte wie vorgegangen werden kann. Es ist gut, wenn überhaupt etwas in dieser Richtung getan wird, aber wenn es einen längerfristiger Plan gibt, steigen die Chancen erfolgreich zu sein. 

So hat Anfang 2019 der LVPEBW mit dem Projekt "Engagierte gewinnen" begonnen, das leider durch Corona wieder in den Hintergrund getreten ist und auch bei uns stellt sich die Frage, wer sich mit der Themenstellung strukturiert und umsichtig beschäftigt. Vor kurzem hat unsere Verwaltungskraft ein Telefonierhilfeformular entwickelt, mit dem wir ca. 50 Selbsthilfegruppen-Ansprechpartner anrufen wollen, um diese in einen Mailverteiler aufnehmen zu können. Bisher ist es allerdings aus den genannten Gründen nicht dazu gekommen. 

Ebenso war im Mai 2020 ein sogenanntes Enagiertentreffen geplant, dass aber, wie so vieles, auch dem Coronavirus zum Opfer gefallen ist. 

Darüber hinhaus hat der Vorsitzende schon versucht offiziell einen Beraterkreis bzw. später einen Aktivenverteiler aufzubauen, was leider aus internen Gründen beides Mal gescheitert ist. Als neuen Versuch hat er nun eine ganz persönliche Favoritengruppe gegründet, der  er intensiver Informationen zukommen lässt, als dem Rest der Mitglieder. Dieses Vorgehen scheint bisher besser zu gelingen. Die Gruppenmitglieder zeigen Interesse und man darf hoffen, dass dort bald konkrete Aufgaben übernommen werden.  Ein erstes reales  Treffen der Gruppe ist in der Planung, ist aber davon abhängig, dass die Coronasituation dies zulässt. Wichtig ist, wie in der ganzen Arbeit mit Ehrenamtlichen, dass kein unnötiger Druck aufgebaut wird. 

Die gesellschaftliche Entwicklung lässt sich nicht beeinflussen und die Konzepte der Mitglieder- und Aktivengewinnung sollten sich den neuen Gegebenheiten anpassen. Es muss zugeben werden, dass es da beim LVPEBW noch deutliches Entwicklungspotential gibt. 

Grundsätzlich wäre es wünschenswert, wenn es - auch auf der Ortsebene - mehr Psychiatrie-Selbsthilfeakteuren gelänge, gemeinnützige Vereine zu gründen. Davon gibt es in Baden-Württemberg gerade eine Handvoll. Wenn es dann genügend Kompetenz, Mut und Kapazitäten im Verein gäbe, dann wäre der Weg frei auch in der Selbstvertretung Personal anzustellen und eine großer Schritt hin zu mehr Professionalität und Stärke wäre getan. 

Aber in Abwandlung der Eingangsfrage "Was tun?", ergibt sich die oft gestellte Frage in gemeinnützigen Vereinen "Wer tut es?".

8. Der psychiatrieerfahrene Mensch ist nur noch ein Kostenfaktor

Im letzten Punkt soll ein Dilemma angesprochen werden, dass in seiner Bedeutung weit über die Psychiatrie hinausgeht und unser ganzes Sozial- und Gesundheitswesen seit längerer Zeit schon prägt. Die immer noch weiter zunehmende Ökonomisierung von sozialen Leistungen, führt zu teilweise unmenschlichen Zuständen für Patienten und Klienten. Zum Beispiel in Krankenhäuser werden die Menschen schon lange nicht mehr entsprechend ihrem gesundheitlichen Zustand entlassen, sondern dank der DRGs (Fallpauschalen) entsprechend der Tage, die sie im Krankenhaus sind. Jeder Diagnose und deren Behandlung ist eine Anzahl von Tagen für den Klinikaufenthalt zugeordnet. Je früher das Krankenhaus den Patienten entlässt, desto mehr wird an dem Patienten verdient. Bleibt der Patient länger, verdient das Krankenhaus weniger. Wie es dem Patienten geht, ist zweitrangig. Das führt dann in der Somatik zu den sogenannten blutigen Entlassungen. Es lassen sich für die Unmenschlichkeit der Ökonomisierung leicht noch andere Beispiele finden.

In der Psychiatrie wurde zuerst auf diese Fallpauschalen verzichtet, weil psychische Störungen kaum in der Behandlungsdauer berechenbar sind. Doch auch hier wurde seit wenigen Jahren eine spezielle, abgewandelte Form der Fallpauschalen eingeführt, die fachlich umstritten und irgendwann nicht mehr öffentlich diskutiert heute angewandt wird.

Inzwischen müssen viele sozialen Einrichtungen Gewinne erzielen und/oder rigoros Ausgaben reduzieren. Der Mensch ist zum Kostenfaktor und zu einem Objekt in Computertabellen geworden. Konformität wird gewünscht, Individualität erschwert die Berechenbarkeit der Bürger und wird deswegen zunehmend sanktioniert. Das merken nicht nur die häufiger unangepassten und im Umgang und Verhalten schwierigeren Psychiatrieerfahrenen, die zudem oft ein Leben Leben am Rande der Gesellschaft leben, sondern auch andere Menschen, die sich von der Norm deutlich unterscheiden. 

Hinter der ökonomischen geprägten Sozial- und Gesundheitspolitik verbirgt sich im besten Falle das Denken, das Marktmechanismen auch in der Sozialwirtschaft die besten Lösungen für den Hilfebedürftigen erzeugen. Doch Marktmechanismen berücksichtigen eben nicht, dass kranke und unterstützungsbedürftige Menschen nicht als Kunden betrachtet werden können. Vor allem psychiatrieerfahrene Menschen, aber auch andere, vergleichbare Personengruppen, suchen nicht nach dem günstigsten Angebot und bedienen deswegen nicht die Hoffnung, dass das Angebot die Nachfrage regelt und somit den Preis und die Leistung. Sie kommen oft auf Umwegen zu ihren Hilfen und durch andere Umstände, als die Qualität des Angebots. 

Aber auch ganz grundsätzlich ist es Kapitalismus pur, den Patienten oder Klienten nur an seinem materiellen Wert zu messen. Eine ehrliche soziale Marktwirtschaft, die Menschenrechte und auch unsere westliche Werteskala, gehen davon aus, dass alle Menschen dieselbe Würde haben, die geschützt und geachtet werden muss, unabhängig vom Einkommen und Vermögen der Person. Das ist wohl auch der wichtigste Grundsatz in unserer demokratischen Verfassung. 

Sicherlich wird der Reichtum immer unterschiedlich verteilt sein, da sich in Gruppen immer Hierarchien bilden und sich Führer etablieren. Diesem Vorgang muss aber entgegengewirkt werden, denn nur dann bleibt unsere Gesellschaft menschlich und lebenswert für alle. Wenn der Leitgedanke, dass jeder jeden so behandeln sollte, wie er gerne selbst behandelt werden würde, von allen beherzigt wird, gebe es viele soziale Probleme nicht mehr und die Ökonomisierung der Gesellschaft, wie wir sie heute haben, wäre nicht möglich.














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