Freitag, 12. Juni 2020

Selbsthilfe als Rettung (Artikel für Farbe e.V.)

Ich war im Jahr 1981 mit 19 Jahren in Stuttgart zum ersten Mal in stationärer Behandlung in der Psychiatrie. Inzwischen habe ich 18 Psychiatrieaufenthalte hinter mir.

Meine seelische Erschütterung kennt Zeiten, in denen ich beeinträchtig bin und Zeiten in denen ich ein weitgehend „normales“ Leben führen kann. In akuten Phasen bin ich übermäßig aktiv und euphorisch sowie teilweise auch verwirrt. Dann wieder gibt es bei mir zweitweise auch längere, depressive Phasen. 

Ich habe mit meinen psychischen Besonderheiten schon viel erlebt –auch Zwangsmaßnahmen. In den 90er Jahren war ich mehrere Jahre schwer depressiv und sehr verzweifelt. Ende dieses Jahrzehntes ging es mir dann langsam wieder besser. Was mir nachhaltig dabei half, war meine Entscheidung im Jahr 1999, mich in der Selbsthilfe seelische Gesundheit intensiv zu engagieren. Ich war in verschiedenen Vereinen und Initiativen sehr aktiv. Durch die Zusammenarbeit und den Austausch mit vielen Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, bekam mein Leben wieder einen Sinn und meine Isolation und Einsamkeit war beendet.

Als ich dann 2009 meine heutige Ehefrau kennen lernte, machte ich nochmals einen großen Schritt nach vorne. Seit 2011 wohnen wir in Teningen.

Glücklicherweise gab es in Freiburg bereits den Verein Selbsthilfe mit Köpfchen e.V., bei dem ich 2012 die Interessenvertretung Psychiatrieerfahrener im Gemeindepsychiatrischen Verbund übernahm. Im selben Jahr gründete ich die Selbsthilfegruppe Psychiatrieerfahrener Emmendingen, die heute noch sehr wichtig für mich ist.

Es gibt in Baden-Württemberg kaum ähnlich gut aufgestellte Regionalverbände wie Selbsthilfe mit Köpfchen e.V. Bei uns sind 10 Selbsthilfegruppen Mitglied. Unser inklusives Fußballteam ist nicht nur sportlich sehr erfolgreich, sondern es entstehen dort auch viele private Beziehungen unter den inzwischen ca. 30 Mitwirkenden. Es gibt auch Frühstückgruppen je für Männer und Frauen. Achtsamkeitstraining und Freizeitangebote, wie Wandern und Kegeln können bei uns wahrgenommen werden. Erwähnenswert ist noch unser Filmprojekt, bei dem wir zusammen mit der Firma „Sandra Beuck│Medien“ das fünfminütige Video „Borderline verstehen“ und ein beeindruckendes Interview zu diesem Thema produzierten (siehe www.smkev.de). 

Jede und jeder geht bekanntlich seinen eigenen Weg. Für mich war die Selbsthilfe Psychiatrieerfahrener die Rettung und inzwischen wurde das dortige Engagement zur Berufung. Man wird sehen, wie es weitergeht. 

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